Ich finde, der Ruf des Prokrastinierens, also der Handlungen, mit denen man unangenehme Aufgabe vermeidet, ist völlig unterschätzt. Ich weiß nicht, ob das ein deutsches Phänomen ist. Arbeit ist hierzulande ja mit einem hohen Ethos verbunden. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, sagte meine Mutter schon zu mir als Kind, wenn ich lieber spielen als Hausaufgaben machen wollte. Wer arbeitet, hat in unserer Gesellschaft einen viel höheren Stand. Ich finde das seltsam. 

Klar, wenn ich prokrastiniere, tue ich nicht die Dinge, die ich eigentlich tun müsste oder die andere von mir erwarten. Aber wo kämen wir denn hin, wenn alle immer nur täten, was sie müssen oder andere von ihnen erwarten?! Eben. 

Ich bin ein ganz großer Prokrastinierer. Und ich glaube, dass das sogar ein großer Bestandteil meines Erfolgs ist. Manchmal erwische ich mich dabei, dass ich ganz andere Dinge tue, als ich eigentlich müsste. Ich habe schon ganz famose Dinge erdacht und entdeckt, während ich unangenehmen Aufgaben aus dem Weg gegangen bin. So bin ich zum Beispiel zu meinem Newsletterkonzept „Kaffeesatz – Ein Satz für deine Marke“ gekommen. Eigentlich sollte ich meine Steuererklärung machen bzw. die vorbereitende Buchhaltung dafür. Ich mäanderte so durch den Tag, erinnerte mich, dass ich schon längst einen Newsletter herausbringen wollte. Er sollte aber nicht so ausufernd viel Arbeit machen. Ich hatte das Feedback einer ehemaligen Abonnentin einer früheren Variante, das die Briefe viel zu lang wären und zu tief gingen. Da würde sie nie etwas von umsetzen. Damals war ich natürlich enttäuscht, dass jeweils acht Stunden Arbeit für die Tonne waren. Ich stampfte das Ding ein. 

Hätte ich nicht um die unangenehme Aufgabe herumgeeiert, hätten meine Gedanken nicht so frei kreisen dürfen, wäre ich möglicherweise nie auf die Idee mit dem einen Satz für Marke gekommen. Und wie das so ist mit dem Umgehen unangenehmer Aufgaben: Ich habe die Idee sofort umgesetzt, die erste Ausgabe geschrieben und ganz tolles Feedback bekommen. So motiviert, habe ich dann auch tatsächlich noch die Steuererklärung erledigt. 

Bei manchen Aufgaben weiß ich, dass ich sie nicht mag. Es gibt aber auch die Phasen, wo ich mich dabei beobachte, wie ich um etwas herumschleiche. Erst durch das Prokrastinieren wird mir bewusst, dass ich etwas vermeide. Ich schaue mir dann intensiver an, was das ist, was ich genau vermeide und warum ich das tue. Manchmal hat es damit zu tun, dass ich Angst vor etwas habe. Bei Vorträgen habe ich mich immer wieder dabei ertappt, dass ich die Vorbereitung auf die letzte Minute verschiebe. Das hat gar nichts mit Faulheit zu tun. Ich antizipiere das Lampenfieber. Das hält mich vom Konzipieren ab. Es ist wirklich verrückt und irgendwie auch faszinierend, wie einem das Unterbewusstsein immer wieder Streiche spielt. Zum Glück gibt es das Prokrastinationsverhalten – sonst wäre mir das vielleicht nie aufgefallen und ich würde heute noch meine Vorträge kurz vor knapp entwickeln.

Wie ist es mit dir und dem Prokrastinieren? Erlaubst du es dir bewusst oder unbewusst?

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